Omaha Beach. Der Wind kam schneidend vom Meer, trieb feuchte Luft über den Sand. Die Stunde Fahrt hing noch zwischen uns, gestern Mont Saint Michel – heute also wieder Auto, wieder schauen, nicht baden. Das Wetter ließ keine andere Wahl. Parkplatz sofort gefunden, Ticket gezogen, drei Stunden. Der Blick der Familie: „So lange?“ – ich wusste, das hier wird mehr als ein kurzer Stopp.
Auf der Fahrt hatten wir über den 6. Juni 1944 gesprochen. Wie dieser Tag den Krieg und das Leben in Europa in eine andere Richtung schob. Und dann stehst du hier, siehst die Flaggen im Wind, nur keine deutsche. Das sticht. Scham darüber, was unsere Vorfahren getan haben. Dankbarkeit dafür, dass andere dafür ihr Leben gaben. Beides gleichzeitig – schwer im Magen.
Wir starteten westlich vom Ziel, weil ich den Parkplatz falsch gewählt hatte. Also am Strand entlang, der Wind jetzt im Rücken, das Rauschen laut wie ein ständiges Flüstern. Später ein schmaler Waldpfad, weicher Boden, Wurzeln unter den Füßen, dann der Friedhof. Hunde verboten, schon am Schild Schluss. Ich ging allein hinein, durch endlose Reihen weißer Kreuze. Keine Geräusche außer dem Wind in den Kiefern. Jeder Stein ein Name, jede Reihe eine Welle, die nie zurückkommt.
Auf dem Rückweg lagen die alten Bunkeranlagen vor uns. Massiv, dunkel, stumm – und trotzdem laut, wenn man sich vorstellt, wie viele davon hier standen. Wie schwer es gewesen sein muss, vom Wasser über den offenen Strand zu kommen, dann den Hügel hoch, hinter die erste Bunkerreihe – und dahinter wartete schon die nächste. Kaum vorstellbar, dass hier jemand lebend durchkam.
Und heute? Wohnhäuser direkt am Strand, mit Blumen im Vorgarten und offenen Fenstern. Kinder spielen im Sand, Menschen spazieren, alles frei zugänglich. Die Luft ist leicht, niemand muss hier kämpfen. Es ist friedlich – und soll es bitte für immer bleiben. Überall in Europa.
Zurück am Strand waren die Kinder wieder voller Energie, der Hund suchte Muscheln und das Auto stand da, wo wir es gelassen hatten. Drei Stunden später fühlte sich der Ort immer noch schwer an – und trotzdem gut, dass wir geblieben sind.




