Downtown und Brooks Brothers

Da wir nun mal in Seattle sind, ich heute Morgen schon keine Schuhe finde und noch Lust auf Shopping habe, gehen wir zu Brooks Brothers. Mist, ich lese den Abschnitt gerade noch einmal und habe kurz das Gefühl, Sabrina hätte das geschrieben. Aber nein, ich bin es immer noch, der Ingo. In Beziehungen gleicht man sich am Ende wohl doch an. Also laufen wir los und nehmen uns vor, einfach ein bisschen durch die Stadt zu treiben.

Wir gehen weiter in Richtung 5th Avenue. Der Prunk und der Schaufensterglanz sind beeindruckend, und überall wirkt alles geschniegelt und auf Hochglanz poliert. Dazu kommt dieses Schaulaufen, das zu so einer Straße gehört. Auffällige Sonnenbrillen, mehrere Einkaufstüten am Arm, dazu kleine Hunde an der Leine und High Heels, die auf dem Asphalt ziemlich unpraktisch wirken. Das ist ein eigener Mikrokosmos, den man eine Weile beobachtet und dann wieder weiterzieht.

Nach ein wenig Suchen finden wir den Brooks Brothers Laden, in der Nähe von dort, wo er früher einmal gewesen ist. Drinnen lasse ich mich erst einmal bei den Hemden aus. Die Qualität ist super, der Preis ebenfalls, und ich merke sofort, warum ich hier gerne stöbere. Viele Hemden in meiner Größe finde ich trotzdem nicht, zumindest keine, die reduziert sind. Von den anderen gibt es fast nur noch blau und weiß, und davon habe ich ohnehin schon ungefähr sieben Stück, also bleibe ich diesmal diszipliniert und kaufe nur ein wirklich schönes Hemd.
Zur Space Needle

Anschließend gehen wir ziemlich direkt zurück zum Auto und machen uns auf den Weg zur Space Needle. Das ist dieses abgefahrene Gebäude, der Turm, der für eine Expo gebaut worden ist. Vor Ort beginnt erst einmal die Parkplatzsuche, und natürlich kostet das auch Geld. Wir zahlen 5 $ für zwei Stunden, und das Kurioseste ist die Bezahlmethode. Es gibt keinen Automaten, der Kreditkarten, Scheine oder Münzen nimmt und vielleicht noch Wechselgeld ausspuckt.

Stattdessen steht da ein Kasten mit kleinen Fächern und Schlitzen, in die man das Geld einwerfen kann, Scheine natürlich. Ich komme mir vor wie in einer Kneipe beim Leeren oder Füllen der Sparfächer. Aber es funktioniert, und ich nehme es vorweg: Wir bekommen keinen Strafzettel. Mit dem Ticket im Kopf laufen wir weiter Richtung Eingang und reihen uns ein.
Oben: Skyline und Mt. Rainier

Wir zahlen 23 $ pro Person, um nach oben zu fahren. Danach folgt die obligatorische Kontrolle unserer Rucksäcke, durchgeführt von einer älteren Person, die ganz sicher keine Lust auf diesen Job hat. Die Kontrolle wirkt so, als könnte man mit genug Dreistigkeit fast alles durchbekommen. Ich mache meinen Rucksack auf, er schaut einmal kurz rein, und schon dürfen wir weitergehen. Das beruhigt mich nicht wirklich, aber dann fahren wir trotzdem hoch.
Die Aussicht ist phänomenal. Die Sicht ist so klar wie selten, und wir sehen die Skyline und im Hintergrund den 90 Meilen entfernten Mt. Rainier mit seinen rund 4.500 Metern Höhe. Wir bleiben lange am Rand stehen, drehen uns einmal komplett und lassen die Perspektive wirken. Dann hören wir den Studenten zu, die im Namen der “Space Needle” kurze Vorträge zur Umgebung halten. Das ist spannend, denn ich erfahre dabei unter anderem, wo das “Schlaflos in Seattle”-Bootshaus steht, wo Redmond genau liegt, wie hoch die Berge sind und welche Details man in so einem Vortrag sonst noch unterbringt, inklusive Nebeninfos, die wirklich niemand bestellt hat.

Leider wird Sabrina irgendwann übel, vermutlich weil sich der Turm im Wind leicht bewegt oder weil der Blick nach unten einfach zu viel ist. Ein halber Liter Wasser hilft, und nach der Fahrstuhlfahrt nach unten geht es ihr deutlich besser. Fester Boden unter den Füßen ist ein unterschätzter Luxus. Unten bekommen wir noch einen richtig guten Blick auf einen Brunnen, der von den letzten Sonnenstrahlen angestrahlt wird, die durch die dicke Wolkendecke brechen. Das Licht macht die Szene für einen Moment fast feierlich, obwohl wir eigentlich nur froh sind, wieder unten zu sein.

Wir bleiben kurz stehen, schauen zu und lassen den Trubel um uns herum vorbeiziehen. Dann gehen wir zurück zum Parkplatz, immer noch mit dem Panorama im Kopf. Der Tag hat diesen typischen Stadt-Rhythmus aus Laufen, Staunen, Warten und wieder Laufen. Und wir haben das Gefühl, dass sich Seattle gerade von einer seiner besten Seiten zeigt. Bis zur nächsten Überraschung sind es nur ein paar Schritte.
Zurück zum Auto und weiter

Am Auto wartet die nächste Überraschung. Kurze Frage: Was passiert, wenn ein Auto mit dunkler Farbe ungefähr zwei Stunden in praller Sonne steht. Genau, nächste Frage: Und was machen diese Temperaturen mit einer Tafel Schokolade. Richtig. Unser Abendessen ist inzwischen fast weggeschmolzen, und Plan A ist damit erledigt. Mit dem Space-Needle-Panorama noch im Kopf und der geschmolzenen Schokolade als unfreiwilligem Abendessen-Plan B brauchen wir schnell eine Alternative.
Also steigen wir wieder ein und fahren zurück in die Stadt, Richtung Hafen und “Old Town”. Es geht erneut auf Parkplatzsuche, nur diesmal mit dem klaren Ziel, endlich entspannt und bezahlbar essen zu können. Wir sind noch in Bewegung, aber der Tag kippt langsam in den Abend. Und genau dieses Gefühl bleibt: Seattle läuft weiter, wir laufen mit, und irgendwo da vorne muss es jetzt einfach etwas Ordentliches zu essen geben.










