Rundweg reicht nicht
Den See kann man auf einem etwa 4 km langen Wanderweg komplett umrunden. Uns reicht das nicht, also biegen wir irgendwann nach rechts ab und marschieren zum Lake Mary. Zuerst ist der Weg flach und richtig gut zu gehen. Kaum haben wir den Lake Mary passiert, beginnt der “richtige” Aufstieg. Wir müssen über Steine klettern, schmale Wege entlang der Berge nehmen und einige Höhenmeter zurücklegen.
Ingo misst mit seinem GPS-System, dass wir am Ende auf 2.230 m sind. Ich kann es nicht verbergen, wir sind ziemlich stolz. Die Tour ist deutlich angenehmer als die gestern. Nicht nur, weil wir nicht ständig im Schnee ausrutschen, sondern auch, weil die Aussicht zwischendurch genial ist. Die Gegend fühlt sich einfach stark an.


Aufstieg, Aussicht und Picknick
Immer wieder sehen wir einen kleinen Gletscherbach und kühlen später sogar kurz das Gesicht darin. Wir bleiben stehen, schauen in die Berge oder blicken auf die beiden Seen, Lake Mary und Lake O’Hara. Von oben sehen wir inzwischen beide in voller Größe zwischen den Bergen, mitten im Wald. Der Lake Mary ist nicht so türkis und klar wie der Lake O’Hara. Trotzdem ist es genial, beide von oben zu sehen.

Irgendwann erreichen wir den höchsten Punkt unseres Weges, diese 2.230 m. Wir setzen uns erschöpft, aber total glücklich auf einen Fels, machen ein kleines Picknick und genießen die Aussicht. Kurz vorher sehen wir sogar ein Tier mit Wuschelschwanz und auffälligem Fell, irgendwo zwischen Marder und Waschbär. Ingo beruhigt mich, dass es bestimmt nicht hier wäre, wenn auch große Bären in der Gegend wohnen würden. Trotzdem reden oder singen wir weiter laut, weil man das so machen soll, damit die Bären einen in Ruhe lassen.

Abstieg, Bach und Hagel
Ein Blick auf die Uhr sagt uns, dass wir langsam an den Abstieg denken müssen. Es ist mittlerweile 12:30 Uhr, und wir wollen den Bus um 14:30 Uhr zurücknehmen. Also räumen wir unsere Picknicksachen wieder ein. Eigentlich ist es nur eine Chipstüte, eine Milchflasche und eine Colaflasche, aber auch das kann ein Picknick sein. Dann marschieren wir los, und bergab geht bekanntlich schneller.

Irgendwann fängt es leicht an zu regnen, was uns dank der neuen Regenjacken nicht weiter stört. Unsere Route führt quer über einen kleinen Bach, genauer gesagt über die Abkürzung der Route. Sonst müssten wir erst um den kleinen See herumlaufen und würden Zeit verlieren. Also hüpfen wir über Steine im Wasser und marschieren auf der anderen Seite weiter. Leichter gesagt als getan.

Ingo geht voran und hat keine Probleme. Ich stehe mitten im Bach auf einem Stein und will ans Ufer springen, Ingo bietet mir schon die Hand an. Dann geht alles schnell, und ich stehe für ein paar Sekunden im Wasser. Ich verliere wohl das Gleichgewicht oder rutsche vom Stein ab, ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall ist das Wasser sehr kalt und steht sofort in meinen Schuhen.

Dank Ingos Hand klatsche ich nicht komplett in den Bach, sondern erwische wirklich nur einmal kurz den linken und anschließend den rechten Fuß. Warum beide? Gleichberechtigung, würde ich sagen. Oder Dummheit, sucht es euch aus. In dem Moment, in dem ich aus dem Wasser komme, fängt es auch noch an zu hageln. Hagel, und zwar genau jetzt.

Das dauert nur kurz, ungefähr so lange, wie Ingo meine Socken und Schuhe auswringt. Meine neuen Schuhe, wohlgemerkt. Was für ein Mist. Jetzt laufe ich eben mit nassen Füßen weiter, eine Wahl habe ich nicht. An das matschige Gefühl in den Schuhen gewöhnt man sich erstaunlich schnell. Ingo lacht sich dabei kaputt.
Wir gehen weiter bergab, entlang des Baches, in dem ich meine Schuhe getauft habe. Später wird der Bach zum Wasserfall, einfach weil der Berg hier so steil ist. Dementsprechend steil ist auch unser Abstieg, und wir kommen teilweise ganz schön ins Rennen. Mir schmerzt mittlerweile das rechte Knie, Ingo das linke. Bei mir ist das vermutlich altersbedingt, bei Ingo wegen des Unfalls von gestern, als er im Schnee einsackt.

Egal ob nasse Füße, Knieschmerzen oder die derben Mückenstiche von gestern, die Anblicke des Wasserfalls und des Lake O’Hara trüben das nicht. Gegen 13:00 Uhr sind wir wieder direkt am Lake O’Hara. Wir umrunden ihn etwa zur Hälfte, um zur Hütte zu kommen, von der der Bus abfährt. Aus diesem Blickwinkel sieht der See wieder unheimlich gut aus, eine perfekte Kulisse für Ingo und seine Leidenschaft fürs Fotografieren.
Hütte, Hagel und Bus zurück
Kaum sind wir in der Hütte, hagelt es noch einmal heftig. Diesmal wirklich lange und stark. Die Leute, die nach uns hereinkommen, sehen sehr nass und ziemlich fertig aus. In der Hütte kann man sich gut aufwärmen. Ich hänge meine Schuhe kurz an den Ofen, bis der Bus Richtung Tal losfährt.

Punkt 14:30 Uhr geht es los, und wir haben einen netten Platz ganz vorne im Bus. Leider sitzen neben uns zwei sehr laute Teenager, die sich die ganze Zeit über wahnsinnig laut unterhalten. Nach dem Hagel und der Bachaktion nervt das extra. Aber 30 min lassen sich schon aushalten.










